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Zur Novembergruppe

Alle Menschen in Deutschland, die nicht unmittelbare Profiteure des alten  Systems waren, begrüßten enthusiastisch die November-Revolution von 1918 als  Epochenbeginn, als Beginn einer von religiösen Schwärmern und utopischen  Sozialisten seit Jahrhunderten verkündeten freiheitlich-sozialistischen  Gesellschaft. Woodrow Wilsons weitgehend irrationales Konstrukt des Versailler  Vertrages vertiefte den  Gegensatz der europäischen Staaten untereinander statt sie zu versöhnen und brachte durch unsinnige Reparationsforderungen und ein  komplexes System von politisch-wirtschaftlichen Sanktionen die neue dt. Republik permanent an den Rand der Handlungsunfähigkeit. In der dt. Mangelgesellschaft der Nachkriegszeit brachen die Klassenkonflikte rasch wieder auf. Verschärft wurden diese Konflikte, die die gesamte dt. Gesellschaft erschütterten, durch zwei Tatsachen: Die ehemals im Kaiserreich politisch verfolgte Sozialdemokratie durfte in den ersten Jahren nach 1918 die diskreditierte Staatsmacht repräsentieren und als neue 'law and order'-Partei den Staatsbetrieb aufrechterhalten: gegen die wachsende Enttäuschung
der Volksmassen und vor allem zugunsten der alten, anti-republikanischen Schichten in Staatsverwaltung, Justiz, Militär, Schule etc.
Gleichzeitig bot sich vielen Menschen die scheinbar geglückte
sozialistische Umgestaltung der russischen Gesellschaft
als Modell und Vorbild auch für Deutschland an. Über zahlreiche politische und militärische  Putschversuche von links und rechts, über Inflation (1923) und  Weltwirtschaftskrise (1929ff) eskalierten die gesellschaftlichen Widersprüche in  Deutschland bis zur schließlichen Übergabe der Macht durch das dt. Bürgertum  an Hitler.

"Der große Umbruch in der Kunst, die künstlerische Revolution, war der  politischen schon am Anfang des Jahrhunderts vorausgegangen. Damals wurden  in Deutschland durch die Künstler der 'Brücke' und des 'Blauen Reiter' die  Türen aufgestoßen zu neuen, vielgestaltigen Möglichkeiten in der Entwicklung  der bildenden Kunst. Diese Entwicklung wurde durch den Weltkrieg  unterbrochen und erfaßte 1918 auf der Woge der politischen Revolution auch  schon die nächste Künstlergeneration, die der neuen Kunst auf breiterer Basis,  als es vor dem Krieg den Expressionisten gelungen war, dem Staat und dem  Volke gegenüber Geltung verschaffen wollte. Waren durch die ausgestoßenen  Türen in Richtung Moderne bisher nur einzelne gegangen, so wollte man jetzt in  großer Gemeinschaft hindurchgehen und das Volk mitnehmen. ( ...) Die Ausstellungen der Novembergruppe begannen 1919 in der zweiten Welle des Expressionismus, in den Ausstellungen überwog zunächst auch das expressiv-romantische Element. Zu der ersten Ausstellung 1919 bei Fraenkel gab es ein kleines Katalogblatt, dessen Text lautete: 'Die Novembergruppe ist der Zusammenschluß radikaler Künstler, radikal im Verwerfen bisheriger Ausdrucksformen,  radikal im Anwenden neuer Ausdrucksmittel." (Helga Kliemann, Die Novembergruppe. Berlin 1969/ S. 9, 24)

In den anhaltenden Konflikten der Zeit wurden die Künstler schließlich, wie die übrigen Menschen auch, desorientiert und zerrieben. Die ökonomische und politische Dauerkrise zerstörte Solidarität. Der Kampf um das tägliche Überleben verdrängte den expressionistischen Aufschwung, das künstlerisch sichtbare Bemühen der Person, sich in einem Weltzusammenhang zu begreifen.  "1932 waren es nur noch drei Künstler, die als Novembergruppe-Leute auf der Großen Berliner Kunstausstellung ausstellten. ( Kliemann, a.a.O., S.46)
Wolfgang Thiede
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